Orgelmusik, Elektronische Musik

ZWEITE SCHÖPFUNG (2018)

Requiem für den Planeten Erde

für Orgel mit mechanischer Traktur, 8 Mikrophone, Keyboard und Computer

30 Minuten

Gefördert Förderverein Kirchenmusik in Zwölf-Apostel e.V.

Entstanden: 2018

Uraufführung 01. Dezember 2018
Zwölf-Apostel Kirche, Berlin
Christoph Hagemann, Michael Maria Ziffels

Auftraggeber Zwölf-Apostel Gemeinde, Berlin

In der Mitte den Menschen an dem Rand Tier und Strauch

Zum 50-jährigen Jubiläum der Schuke-Orgel in Zwölf-Apostel haben sich der Kirchenmusiker Christoph Hagemann und die Kirchengemeinde Zwölf-Apostel ein neues Werk gewünscht, welches die Schuke-Orgel in besonderem Maße hör- und erlebbar macht. Für mich ist die Orgel als Instrument schon immer eine Maschine: Groß und stark — etwas Geheimnisvolles wohnt ihr inne.

Bei Orgeln mit mechanischer Traktur (als Traktur bezeichnet man bei einer Orgel das Übertragungssystem vom Spieltisch zur Pfeife) wie in der Zwölf-Apostel-Kirche kann die das Öffnen des Ventils unter der Pfeife von der Taste aus genau gesteuert werden. Wenn eine Orgelpfeife nicht mit dem vollen, ihr angedachten und fein austarierten Luftdruck angesteuert wird, passiert etwas Schönes: Der Klang bekommt etwas sehr Feines, verstimmtes und leicht ins Chaotische gehende. Mich interessieren diese feinen und komplexen Klänge. Durch sechs in die Orgel installierte Mikrofone werden wir diese Klänge verstärken, mit sich selbst konfrontieren, überlagern, filtern und an Orte im gesamten Kirchenraum projizieren.

Die Orgel hat 40 Register und drei Manuale. Die Klangfarben entstehen additiv: Es werden mit jedem Register weitere Orgelpfeifen aktiv und der Klang wird dichter und lauter. Da jede Pfeife ihr eigenes Obertonspektrum mit sich bringt, ergeben sich Mischungen oder auch Mixturen. Die verschiedenen Tonlagen bilden die Obertonreihe ab. Durch Kombination eines Grundregisters (in der Regel 8′-Lage) mit einem oder mehreren Obertonregistern oder Aliquoten (z. B. 2 2⁄3′ oder 1 3⁄5′) werden bestimmte Obertöne des Grundregisters verstärkt oder zusätzliche Obertöne hinzugefügt. Die Orgel bietet somit so etwas wie eine additive Klangsynthese. Die Obertonreihe beginnt mit großen Intervallen (Oktave), die, je weiter die Reihe fortschreitet, immer enger werden.

Die Fibonaccireihe (Fn=Fn-1+Fn-2) ist im Vergleich zur Obertonreihe umgekehrt. Zuerst kommen Sekunden-Intervalle. Ich benutze die ersten 21 Fibonaccizahlen als Tonmaterial für die »Zweite Schöpfung«: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610, 987, 1597, 2584, 4181, 6765, 10946.

Benannt ist die Folge nach Leonardo Fibonacci, der damit im Jahr 1202 das Wachstum einer Kaninchenpopulation beschrieb. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Fibonacci-Folge auch noch zahlreiche andere Wachstumsvorgänge beschreibt. Die Fibonacci-Zahlen weisen einige bemerkenswerte mathematische Besonderheiten auf, beispielsweise stehen sie in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Goldenen Schnitt. Je weiter man in der Folge fortschreitet, desto mehr nähert sich der Quotient aufeinanderfolgender Zahlen dem Goldenen Schnitt an.

Aus den ersten 21 Tönen der Folge habe ich die von mir sogenannte Urformel geschrieben. Diese gibt es in 5 Varianten. Sie ist in allen Sätzen als vorab aufgezeichnetes und live eingespieltes Sample präsent – außer in Teil III – aber nicht immer direkt hörbar. Gelegentlich taucht sie hörbar auf. Alle Tempi des Stücks sind ebenso Fibonaccizahlen: ♩ = 21, 34, 55, 89, 144.

In meinem Stück treibe ich die Idee des Registrierens weiter: Ich habe zusammen mit Christoph Hagemann verschiedene Klänge der Orgel aufgenommen. Diese werden wie weitere Register eingesetzt. Dazu gehören auch Geräusche, z. B. die der mechanischen Traktur. Dadurch, dass die Orgel auch über die Lautsprecher wiedergegeben wird, möchte ich erzielen, dass die Klänge so verschmelzen, dass eine neue Orgel entsteht, welche ihr eigenes »Verhalten« hat. Alle Klänge des heutigen Abends (mit Ausnahme der Sprechtexte) entstammen dabei der Orgel selbst – direkt oder indirekt über Verfremdungseffekte – und werden live gespielt.

Die »Zweite Schöpfung« hat fünf Sätze und verwendet das Gedicht »Zweite Schöpfung« des Lyrikers und Autors Bernd Marcel Gonner. Die Menschheit, die sich gerne als Krone der Schöpfung begreift, ist das einzige »Säugetier«, das systematisch andere Lebewesen ausrottet, die Ressourcen verschwendet und letztendlich fähig ist, den gesamten Lebensraum Erde zu zerstören. Viele haben immer noch nicht verstanden, dass wir kein Backup-System haben. Es ist längst fünf nach zwölf und jeder einzelne müsste sich selbst und seinen Lebensstil radikal überdenken.

Ich bedanke mich bei Josefine, Frank, dem Förderverein Kirchenmusik in Zwölf-Apostel e. V. und dem Evangelischen Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg. Das Stück widme ich Bernd, Christoph und allen Menschen, die sich ohne Wenn und Aber für den Natur- und Klimaschutz einsetzen.

Michael Maria Ziffels, Berlin 2018


Anlass des Konzerts ist das 50-jährige Bestehen der Orgel, erbaut von der Orgelwerkstatt Karl Schuke, Berlin.