und warum sie mich trotzdem immer wieder verführt

Lyrik und Musik

Neulich hat mich Ulrike für ein ORF-Feature gefragt: „Warum – oder wofür – braucht die Lyrik Musik?“
Die ehrliche Antwort zuerst: Gar nicht.
Lyrik ist schon Musik – nur in anderer Währung. Aber wie jeder weiß, der eine Affäre hat: Man braucht den anderen nicht unbedingt. Man will sie.

1. Gedichte sind akustische Lebewesen

Ein Gedicht lebt im Mund, nicht auf dem Papier. Das merkt man spätestens, wenn man solche Sätze¹ laut spricht:

«morgens vor dem spiegel ich
träumend denk und dreh
um dich da wird die kehle
mir noch eng denn du sagst
durch welches öhr willst du…»

Da sitzt kein bloßer Sinn, da sitzt Atem, Kippmoment, ein Stolpern in den Vokalen. Dieses ich — dreh — da — noch — durch ist Rhythmus, ist Atemmaschine, ist kleine dramatische Form. Keinerlei Orchester nötig — das Gedicht trommelt selbst.

Oder diese Bildflut aus wanderling wondering²:

«über land türmt (towers
tows) der südwest himmelhoch eine gewaltige
gelbe c-loud (wolke, laut) verdunkelt den tag
tonnen (matter) schieben treiben senken sich
die höhle gekesselt von sand gefressen die felle
vom meer strecken als die stürme sich legen
augenweit laufweit (walking, lacking) dünen sich
toter fisch.»

Hier ist Sprache schon Orchester: Parenthesen wie instrumentale Nebenstimmen, Brechungen (c-loud / wolke / laut) als Text-Soli, und diese kolossale Bewegung der Landschaft — man spürt Gewicht und Drift, Klangkörper und Atemräume. Ein Komponist kann das nicht „verbessern“ — höchstens begleiten, widerspiegeln, verdichten.

2. Die Liaison: Warum sie trotzdem in die Kiste steigen

Dass Lyrik keine Musik braucht, heißt nicht, dass sie nicht in leidenschaftlicher Beziehung zur Musik steht. Beide lieben Zeit — und in diesem Lieben sind Pausen heilig. Stille ist keine Leere, sie ist das diagrammatische Zentrum: der Rahmen, in dem Rhythmus und Melodie erst Bedeutung kriegen.

Wenn Musik Texte bloß „unterlegt“, passiert meist: ein schöner Teppich unterwühlt eine starke Stimme. Wenn Musik aber auf Augenhöhe tritt — dann kann etwas Neues passieren. Nicht Illustration. Kein Sound-Design. Sondern Geburt eines Dritten: ein Stück, das weder nur Sprache noch nur Ton ist.

3. Wie ich als Komponist damit umgehe

Wenn ich Gedichte vertone, sind das zwei Entscheidungen zugleich:
– Aufpassen, dass ich das Gedicht nicht ersetze.
– Gleichzeitig neugierig sein auf die Lücken, die das Gedicht offenlässt.

Bei der Taumel-Stelle oben heißt das konkret:
Ich darf das dreh nicht wegmechanisieren. Ich muss Raum lassen für das Stolpern, die Kehlenspannung, das Zögern vor dem Wort durch. Musik darf stützen, aber nicht anleiten wie ein Lehrer den Blinden durch die Stadt.

Bei dem wanderling-Ausschnitt heißt das:
Die parenthetischen Übersetzungen (towers / tows, walking / lacking) sind wie Mikro-Meta-Instrumente. Sie fordern von mir als Komponist, verschiedene Ebenen gleichzeitig hörbar zu machen: das Bild, die Übersetzung, das Echo. Man kann das orchestrieren, man kann es auch elektrophonisch verdichten — immer mit dem Ziel, die Text-Mechanik nicht zu übermalen, sondern mit ihr zu verweben.

4. Das Fremdsprachenwunder (und warum es nie aufhört mich zu begeistern)

Ich habe Menschen nach Konzerten sagen hören: „Ich habe nichts verstanden — und trotzdem war alles klar.“
Das ist kein metaphysischer Unsinn, das ist schlicht Ergebnis einer erfolgreichen Fusion: Musik macht die Körperlichkeit des Gedichts hörbar — und Körperlichkeit funktioniert auch ohne Wörterbuch. Rhythmus, Klangfarbe, Stille, Bewegung: das sind universale Verständigungsmöglichkeiten.

Wenn Lyrik und Musik richtig miteinander arbeiten, entsteht eine translinguale Wahrnehmungsebene. Nicht Übersetzung, sondern Erfahrung. Und das ist oft die eigentliche Aufgabe von Vertonung: nicht erklären, sondern erfahrbar machen.

5. Ein persönliches Fazit — kurz, unversöhnlich, ehrlich

Lyrik braucht keine Musik. Sie ist Musik. Wenn ich jedoch als Komponist auf einen Text treffe, der atmet, stolpert und sich auftürmt, kann ich nicht anders, als mich hineinzu lehnen.

Ich will kein Begleitservice sein. Ich will Partner auf Augenhöhe. Ich will, dass das Gedicht seinen eigenen Herzschlag behält — und dass meine Musik ihm einen Resonanzraum baut, in dem dieser Herzschlag groß werden kann.

Am Ende bleibt es etwas Widersprüchliches, das ich liebe: Zwei vollständige Wesen, die sich treffen, um etwas zu gebären, das keins von beiden ohne das andere wäre.

Lyrik + Musik = ein Organismus, der mehr versteht, als wir bislang benennen können.
Nicht nötig, aber unbedingt gewollt. Und genau deshalb mache ich es.

Quellen
  1. Ulrike Draesner, Taumel der Trennung, Hell und Hörig, Seite 252, 1. Auflage 2022, Penguin Verlag, München
  2. Ulrike Draesner, DOGGERLAND, Seite 39, 1. Auflage 2021, Penguin Verlag, München
Michael Maria Ziffels
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