oder: Wie man beim Keuchen ganze Sinfonien träumt

Wandern

Wandern klingt ja erstmal nach Rentnergruppe mit Nordic-Walking-Stöcken und Müsliriegeln in Alufolie. Und ja, ein bisschen Klischee ist auch dabei – aber ganz ehrlich: Ich steh drauf. Schon als Ministrantenkind in den Sommerlagern der Alpenrepublik war ich der, der freiwillig den steilsten Weg nahm. Nicht aus Masochismus, sondern weil’s da oben einfach schöner war. Und weil man unten nicht abschalten kann.

Ich meine: Wer braucht bitte ein Tonstudio, wenn man auf 1.800 Metern Höhe ganze Sinfonien träumen kann? Ich jedenfalls habe beim Wandern schon Musik erfunden, von der mein Schreibtisch zu Hause nur träumen kann. Vielleicht liegt’s am Sauerstoff. Vielleicht auch am leichten Höhenrausch. Oder daran, dass das Hirn endlich mal nicht mit E-Mails, To-do-Listen und der globalen Katastrophenlage beschäftigt ist, sondern sich einfach treiben lässt – wie ein Klang, der noch nicht weiß, wohin er gehört.

Natürlich sagen Studien, dass Wandern gegen Depression, Demenz, schlechte Laune und kreative Blockaden hilft. Aber ich sag: Wandern hilft gegen das Leben da draußen. Gegen das ständige «Mach mehr! Sei effizient! Denk schneller!». Beim Wandern darf man langsam sein. Und das ist in einer Welt, die sich permanent selbst überholt, schon fast subversiv.

Und überhaupt: Wenn man keuchend den Hang hochstapft, den Rucksack verflucht, den Weg verliert, dann ist das doch pures Leben. Da kommt man dem inneren Drama viel näher als in jeder Opernprobe. Und wenn einem oben auf dem Gipfel dann plötzlich ein Thema in den Kopf schießt, das man später als ersten Satz einer Sinfonie verwendet – dann weiß man: Der Schweiß hat sich gelohnt.

Wandern ist für mich keine Freizeitbeschäftigung. Es ist Kompositionspraxis. Es ist Denkzeit. Es ist Therapie. Und manchmal auch Flucht. Vor allem aber ist es eine Einladung, den eigenen Takt mal nicht von außen vorgeben zu lassen. Sondern ihn selbst zu gehen.

Also: Wanderschuhe an, Sinfonie im Kopf – los geht’s.

Michael Maria Ziffels
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