– über politische Routinen, Draesner und neue Erzählungen

Gesellschaft

Die gängige Mär

Die gängige Mär – das klingt harmlos, fast wie ein Volkslied aus besseren Zeiten. Doch was Politiker:innen, Think Tanks und Lobbyverbände seit Jahrzehnten im Chor raunen und uns einflüstern, ist alles andere als harmlos. Es ist ideologische Routine. Eine Erzählung mit fatalen Folgen.

„Wir müssen die Unternehmen entlasten.“

So oft gehört, dass es wie Hintergrundrauschen wirkt. Wie ein Naturgesetz. Doch es ist nichts als die gängige Mär.

Und die Realität?

Kommunen sind kaputtgespart.
Schulen verschimmelt.
Brücken gesperrt.
Ein Schienensystem, das nur noch für Auslandssatire taugt.
Eine kulturelle Infrastruktur, die systematisch ausgehöhlt wurde.

Währenddessen wächst auf der anderen Seite ein unvorstellbarer Reichtum – unverschämt, unangetastet, unversteuert.

Die gängige Mär erzählt: „Wenn es den Unternehmen gut geht, geht es allen gut.
Die Realität sieht jedoch anders aus: Wenn alles auf Rendite getrimmt ist, bleibt für das Gemeinwohl nichts übrig.

Heute kommt eine neue Strophe hinzu: „Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten.“ Auch sie klingt wie eine vertraute Melodie, zu oft gespielt, um noch hinterfragt zu werden. Doch auch hier ist es nur ein Refrain der Macht – eine musikalische Schleife, die im Hintergrund läuft, bis sie sich in unser Gehör brennt.

In Wahrheit ist es kein Naturgesetz, sondern eine Komposition voller Auslassungen. Die Stimmen, die das Lied anstimmen, lassen die Pausen ungehört: dass Armut politisch hergestellt wird, dass Ungleichheit keine Schicksalsmacht ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen. Stattdessen wiederholen sie das immer gleiche Thema, wie ein Orchester, das längst verstummt ist, aber noch so tut, als spiele es.

Ulrike Draesner spricht in Doggerland von der „gängigen Mär“ – einem Märchen vom Weiblichen, das sich unterzuordnen habe. Ich nehme diesen Begriff auf, nicht als Zitat, sondern als Kontrapunkt. Denn Märchen sind nicht nur Geschichten aus Kinderzeiten. Sie sind machtvolle Konstrukte. Sie stützen Ordnungen, die längst brüchig sind, und sie schreiben Rollen fort, die nicht mehr tragen.

gängige mär¹: woman am feuer (erde, herd)
verdreckt im schneidersitz schurz
lockerer blick während sie
rühren (stir) im topf (kopf) den
die anderen von hinten nehmen

In diesen Versen steckt eine ganze Welt. Die Frau am Feuer – erdig, schmutzig, sitzend im Schurz. Ihr Blick ist locker, doch ihre Hände arbeiten. Sie rührt im Topf, und zugleich im Kopf. Gedanken entstehen aus Bewegung, aus Handlung. Und während sie rührt, nehmen andere von hinten. Ein Bild für Ausnutzung, für die Selbstverständlichkeit der Unterordnung, für das unsichtbare Abfließen von Energie, die nie anerkannt wird.

Hier wird Sprache selbst zum Widerstand. Draesners Bilder sind konkret und mythisch zugleich. Sie holen das scheinbar Nebensächliche ins Zentrum: Körper, Fürsorge, Arbeit, die nicht gesehen wird. Und sie legen offen, wie tief die gängigen Märchen greifen – bis hinein in die Bilder vom Weiblichen, vom Versorgen, vom „sich Fügen“.

Für mich ist das hochaktuell. Draesners Texte sprechen nicht nur von damals, sie sprechen von jetzt. Sie sind musikalisch in ihrem Rhythmus, widerständig in ihrer Bildkraft, gegenläufig zur glatten Sprache der politischen Routine. Ihre Verse wehren sich gegen das Eindeutige. Sie lassen Mehrdeutigkeit zu – und gerade darin liegt ihre Kraft.

Denn die gängige Mär will vereinfachen: Unternehmen entlasten, Märkte stärken, Wachstum fördern. Immer dieselbe Melodie, abgestumpft und stumpf. Literatur hingegen öffnet Räume. Sie macht erfahrbar, was verdrängt wurde. Sie zeigt, dass hinter jeder Erzählung eine andere verborgen liegt – eine, die uns vielleicht freier, offener, solidarischer denken lässt.

Gängige Märchen dienen der Macht. Sie halten Strukturen aufrecht, die längst morsch sind. Und sie treten das ein, was uns als Gesellschaft zusammenhält: Bildung. Kultur. Fürsorge. Sprache.

Doch eine Mär ist keine Naturgewalt. Sie ist eine Erzählung, und Erzählungen können verändert, überschrieben, neu erzählt werden.

Dort, wo Draesner mit Sprache Widerstand leistet, beginnt auch für mich ein künstlerischer Resonanzraum. Aus dieser Auseinandersetzung wächst meine neue Oper: «wanderling wondering mit dem Prolog: Die gängige Mär – was geritten wird». Es ist noch im Entstehen, doch schon jetzt trägt es den Kern: gegen das Vergessen, gegen das Märchen vom Fortschritt auf Kosten aller – und gegen das lähmende Gefühl, man könne ohnehin nichts ändern.

Denn Märchen lassen sich neu erzählen. Und vielleicht beginnt genau dort der Widerstand.

Was wirklich wahr ist:

Wir können uns die Entmenschlichung durch die politischen Rechten nicht mehr leisten.

Quellen
  1. Ulrike Draesner: doggerland Gedicht, Seite 37, Penguin Verlag
Michael Maria Ziffels
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