Das Werk des Berliner Komponisten Michael Maria Ziffels vereinigt das Sichtbare und das Unsichtbare zu einer hörbaren Utopie

Foto: Oliver Möst

Zusammenfassung

In seiner Komposition kontamination (2000) thematisiert der Berliner Komponist Michael Maria Ziffels die Spannungsbeziehung zwischen Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Inspiriert von der Offenbarung des Johannes und Gedanken des Religionsphilosophen Karl Löwith, verarbeitet Ziffels in seinem Werk für Klavier, Orchester und Elektronik die Konvergenz von Glauben und säkularer Wirklichkeit. Er stellt das Sichtbare und Unsichtbare, das Heilvolle und Verseuchte gegenüber – musikalisch ausgedrückt durch die Konfrontation traditioneller Instrumente mit elektronischen Klängen. Die Verschmelzung dieser Klangwelten erzeugt ein instabiles, interkulturelles Klangbild, das sich kritisch mit westlicher Vorherrschaft und kolonialen Wunden auseinandersetzt. Zitate aus Haydns Messen stehen neben Anspielungen auf Hollywoods Kriegsbilder (etwa Apocalypse Now) und Verweise auf japanische Musiktraditionen, wie dem Flötisten Tosha Suiho, der für Ziffels eine Brücke zwischen Transzendenz und irdischer Erfahrung darstellt. Ziffels Werk verweigert einfache Antworten und verweist auf die destruktive Schönheit einer Welt im Umbruch. Der Komponist stellt keine Erlösung in Aussicht, sondern konfrontiert die Hörer mit Verunsicherung, Schmerz und einer religiös-existentiellen Dimension. Seine Musik fragt nach der Möglichkeit von Hoffnung und Transzendenz in einer durch Katastrophen wie Holocaust, Hiroshima und Tschernobyl geprägten Welt.

In der Offenbarung des Johannes wird in gewaltigen Bildern das Ende der Geschichte und der Zeit beschrieben. Christus wird mit seinen Engeln und Helfern die Mächte der Tiefe besiegen und sich auf den Thron der Herrschaft setzen. «Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.» Das sind die Bilder der Heilsgeschichte. Das sind die Bilder, die der Glaube malt. Zwischen dem Uranfang und dem Ende ist die Geschichte der Menschheit ausgestreckt. Aber das ist eine Gewissheit, die allein aus dem Glauben kommt. Die Weltgeschichte, deren Probleme nicht aus ihr selbst heraus zu lösen sind, kann allenfalls als eine permanente Wiederholung der Erfahrungen des Scheiterns und der Untergänge und der Überlebenskraft der Menschen beschrieben werden. Aber eine Geschichte, die auf ein feststehendes, auf ein gutes Ziel hinausläuft: die gibt es nicht. Dennoch: Welt- und Heilsgeschichte stehen in ständiger Spannung, und auch wenn sie immer wieder ineinander fallen, sie müssen sich in dieser Spannung aushalten und immer wieder neu gestalten.

Der Berliner Komponist Michael Maria Ziffels hat mit kontamination aus dem Jahre 2000 diese Spannung hörbar gemacht. Da ist die Berührung, die Verschmelzung mit dem Heilbringenden einerseits und die Verseuchung durch die weltgeschichtliche Radioaktivität andererseits, eine kosmologische Paarung der Moderne. ZIFFELS greift in seinem fast einstündigen Werk für Klavier, Orchester und Elektronik das auf, was der Religionswissenschaftler Karl Löwith l953 so beschrieben hat: «Vom Glauben zum Sehen gibt es keinen Übergang». ZIFFELS macht es eindrucksvoll deutlich — doch es gibt immer wieder eine Konvergenz, die Deutung der Wirklichkeit durch den Glauben. Er stellt Klavier, Flöten und Geigen – hier Sinnbild der Überzeugung vom Heil – seiner elektronischen Komposition gegenüber, lässt beide Parts sich ängstlich in gerade diesen Schnittpunkten berühren und endlich verschmelzen zu einem unbeständigen gewaltigen, auch interkulturellen Rausch. Er trennt das Symphonische – übrig bleiben wieder seine Bestandteile , er seziert gleichermaßen die Wurzeln der verschiedenen menschlichen Kulturen, deren Klammer ihre Heilsgeschichte ist.

Gleich einer Introduktion präsentiert ZIFFELS zu Beginn seiner kontamination die Fragestellungen: Wo wird das Morgen im jetzigen Sein seinen Platz finden? Haben diejenigen der Weltgeschichte trotz ihrer Sprachlosigkeit die Phänomenologic der Heilsgeschichte längst überwunden? Hat die Gewissheit, die dem Glauben entspringt, in der Zukunft einen chancenreichen Listenplatz?

Der Komponist führt uns die stillen Brüter im globalisierten Informationszeitalter vor als reaktionäre Handlungsreisende.

Wo werden sie ihren Widerpart finden?

ZIFFELS kontamination greift schon im Entstehungsjahr der Zukunft weit vor: Geradezu avantgardistisch stellt er die Vormachtstellung einer westlichen Macht dem Überlebenskampf der als unzivilisiert apostrophierten Kulturen gegenüber, lässt deren Errungenschaften eindringen in die Existenz wie Nadeln in der Haut. Da werden keine Wunden genäht, sondern künstlich eitrig gehalten.

Hollywoods grandioses, filmisches Kriegspathos in apocalypse now ist als Zitat in Form der rotierenden Hubschrauberblätter über der Welt unten ebenso zitiert wie Josef Haydns Schöpfungs- und Harmoniemessen. Es ist, als ob ZIFFELS ein eigenes Verzeichnis von Heiligen kreiert hätte, er transponiert in expressiver Nonchalance das alte in den Kanon der Moderne. Und immer wieder überschattet in seiner Komposition das Überleben des Mächtigen die Heilsgeschichte der Unterlegenen.

Und dennoch: Während der Zuhörer in seiner Analyse des Apokalyptischen sicheren Boden zu betreten scheint, geht er einen zivilisierten Irrweg. ZIFFELS hat mehr Verunsicherung im Repertoire, Mittendrin schafft er eine Kontextur zum Okzidentalen. Er erinnert ganz beiläufig an die Musikbegleitung im Kabuki-Theater und beim modernen Nagauta-Gesang des großen japanischen Flötisten Tosha Suiko. Dieser, auf dem Höhepunkt seiner körperlichen und geistigen Schaffenskraft, legte 1982 seine Interpretation der Vier Jahreszeiten vor als Verbindung des Transzendentalen mit dem Irdischen – der japanische Brückenschlag zwischen Heil und Welt.

Während der Europäer den Wechsel der vier Jahreszeiten und den Anblick der Natur vor allem durch Vivaldi und Tschaikowsky musikalisch interpretiert wissen will, zitiert ZIFFELS den an den Busen der Natur zurückkehrenden Tosha Suiho, indem er den mit der Natur verschmolzenen Klang der Flöte – die japanische Interpretation der Kontamination – einfließen läßt. «Der Tagesanbruch im Tempel Myoodo auf dem Berg Hieizan oder die tiefe Nacht im Gyokuhoin des Tempels Myoshinji übertrafen alle meine Vorstellungen. Überall bin ich von dem viel farbigen Hauch der Natur, dem Rauschen des Windes, des Murmeln des Wassers und dem Zirpen der Insekten berührt worden», schreibt der Flötist in seinen Erinnerungen zu den «Vier Jahreszeiten». Und weiter heißt es: «Wenn ich mit einer bestimmten Melodie und einer bestimmten Vorstellung im Kopf an einen dieser Orte ging und dort das komponierte Stück aufführte, stimmte irgend etwas nicht. Ich gab die bisherige Melodie auf und spielte das, was mir einfiel, dann erst kam ein lebendiger Ton heraus.» ZIFFELS scheint es ihm gleich getan zu haben.

In seiner Verschmelzung ist nicht nur seine Musik, sondern auch sein irdisches Leben mit der Natur eins geworden, musste ein Teil der menschlichen Natur werden. Und doch: Der Berliner Komponist zieht seine Kreise über dem ambivalenten Geschehen auf dem Grunde, er spiegelt das Wesensinnere in die Außenwelt, die Unvernunft, die Liebe, den Hass und führt uns verführerische Sicherheit als Beschreibender, nicht Bewertender vor. Der musikalischen Intonation des Kaiho, des Gipfelpilgerwegs, im Tal Mujojidani, wo die Priester ihren religiösen Übungen nachgingen und wo heilige Ruhe als Stille des Nicht-Denkens herrschte, setzt ZIFFELS Hilfeschreie, ein pastoral begleitetes Wimmern entgegen und keine Erlösung. Er wirft die zivilisatorischen Probleme auf, ohne ein individuelles Narkotikum bereitzustellen. Warum etwas sei und vielmehr nichts, bleibt die Grundfrage der Moderne, wie sie Schelling zuerst gestellt hat, und dahinter führt kein Weg zurück. Der Komponist ZIFFELS transponiert und variiert die Fragestellung überzeugend. Seine Musik ist eine Musik am Rande des Abgrunds, betörend schön und in ihrer ungeheueren Variabilität und Auswegslosigkeit destruktiv zugleich.

Es bleibt die Frage, wo die kontamination ihren Ort hat zwischen Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Schildert sie Bilder unserer apokalyptischen Erfahrung zwischen Holocaust, Hiroshima und Tschernobyl, in der die heilsgeschichtliche Hoffnung noch als Illusion oder gar nur als Fragestellung auftaucht? Oder deuten ZIFFELS apokalyptische Tonationen die heilsgeschichtlichen Zeichen an, von denen aus sich die Weltwirklichkeit neu erschließt? Wenngleich hier eine Antwort allenfalls spekulativ wäre, es bleibt wahrzunehmen, dass einmal mehr das Miteinander von Heilsgeschichte und Weltgeschichte nicht als friedliches, schiedliches Nebeneinander zu sehen ist – Und schon gar nicht als Kompromiss.

Alexander v. Leszczynski Zeiger
Michael Maria Ziffels
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