INFO

Auftraggeber: Zwölf-Apostel Gemeinde, Berlin

Leistungen: Konzept, Komposition, Notenmaterial, Elektronik

Uraufführung: 01. Dezember 2018

Ort: Zwölf-Apostel Kirche, Berlin


GEDICHT

I. Trauermarsch

Eine Stadt sollst du bauen
groß und weit wie ein Kuss
vom Gebirg zu den Auen
deines Herzschlags Surplus.

II. Seid fruchtbar und mehret euch

In der Mitte den Menschen
an dem Rand Tier und Strauch
du der Herr aller Ranchen
ringsumher, Lebenshauch

III. Apocalypse

Der Gefährt' deiner Kinder:
deines Muts Überschuss
fortgeführt als ein Blinder
bis zum Land Überdruss.

IV. Choral

Der'n Gespielen nicht minder:
sie als schwellender Fluss
Opfer Blum', Baum und Rinder
Eingang du und Beschluss.

V. La valse absurde

Eine Stadt sollst du bauen
selbst die Sterne nur Ruß
zu dem Himmel, dem blauen,
geht dein Alpdruck zu Fuß.

Bernd Marcel Gonner, Creglingen

AUFTRAGSKOMPOSITION

Zum 50jährigen Jubiläum der Schuke-Orgel in Zwölf-Apostel haben sich der Kirchenmusiker Christoph Hagemann und die Kirchengemeinde Zwölf-Apostel ein neues Werk gewünscht, welches die Schuke-Orgel in besonderem Maße hör- und erlebbar macht. Für mich ist die Orgel als Instrument schon immer eine Maschine: Groß und stark — etwas Geheimnisvolles wohnt ihr inne.

Bei Orgeln mit mechanischer Traktur (als Traktur bezeichnet man bei einer Orgel das Übertragungssystem vom Spieltisch zur Pfeife) wie in der Zwölf-Apostel-Kirche kann die das Öffnen des Ventils unter der Pfeife von der Taste aus genau gesteuert werden. Wenn eine Orgelpfeife nicht mit dem vollen, ihr angedachten und fein austarierten Luftdruck angesteuert wird, passiert etwas Schönes: Der Klang bekommt etwas sehr Feines, Verstimmtes und leicht ins Chaotische Gehende. Mich interessieren diese feinen und komplexen Klänge. Durch sechs in die Orgel installierte Mikrofone werden wir diese Klänge verstärken, mit sich selbst konfrontieren, überlagern, ltern und an Orte im gesamten Kirchenraum projizieren.

Die Orgel hat 40 Register und drei Manuale. Die Klangfarben entstehen additiv: Es werden mit jedem Register weitere Orgelpfeifen aktiv und der Klang wird dichter und lauter. Da jede Pfeife ihr eigenes Obertonspektrum mit sich bringt, ergeben sich Mischungen oder auch Mixturen. Die verschiedenen Tonlagen bilden die Obertonreihe ab. Durch Kombination eines Grundregisters (in der Regel 8′-Lage) mit einem oder mehreren Obertonregistern oder Aliquoten (z. B. 2 2⁄3′ oder 1 3⁄5′) werden bestimmte Obertöne des Grundregisters verstärkt oder zusätzliche Obertöne hinzugefügt. Die Orgel bietet somit so etwas wie eine additive Klangsynthese. Die Obertonreihe beginnt mit großen Intervallen (Oktave), die, je weiter die Reihe fortschreitet, immer enger werden.

Die Fibonaccireihe (Fn=Fn-1+Fn-2) ist im Vergleich zur Obertonreihe umgekehrt. Zuerst kommen Sekund-Intervalle. Ich benutze die ersten 21 Fibonaccizahlen als Tonmaterial für die »Zweite Schöpfung«: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610, 987, 1597, 2584, 4181, 6765, 10946.

Benannt ist die Folge nach Leonardo Fibonacci, der damit im Jahr 1202 das Wachstum einer Kaninchenpopulation beschrieb. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Fibonacci-Folge auch noch zahlreiche andere Wachstumsvorgänge beschreibt. Die Fibonacci- Zahlen weisen einige bemerkenswerte mathematische Besonderheiten auf, beispielsweise stehen sie in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Goldenen Schnitt. Je weiter man in der Folge fortschreitet, desto mehr nähert sich der Quotient aufeinanderfolgender Zahlen dem Goldenen Schnitt an.

Aus den ersten 21 Tönen der Folge habe ich die von mir so genannte Urformel geschrieben. Diese gibt es in 5 Varianten. Sie ist in allen Sätzen als vorab aufgezeichnetes und live eingespieltes Sample präsent – außer in Teil III – aber nicht immer direkt hörbar. Gelegentlich taucht sie hörbar auf. Alle Tempi des Stücks sind ebenso Fibonaccizahlen: ♩ = 21, 34, 55, 89, 144.

In meinem Stück treibe ich die Idee des Registrierens weiter: Ich habe zusammen mit Christoph Hagemann verschiedene Klänge der Orgel aufgenommen. Diese werden wie weitere Register eingesetzt. Dazu gehören auch Geräusche, z.B. die der mechanischen Traktur. Dadurch, dass die Orgel auch über die Lautsprecher wiedergegeben wird, möchte ich erzielen, das die Klänge so verschmelzen, dass eine neue Orgel entsteht, welche ihr eigenes »Verhalten« hat. Alle Klänge des heutigen Abends (mit Ausnahme der Sprechtexte) entstammen dabei der Orgel selbst – direkt oder indirekt über Verfremdungseffekte – und werden live gespielt.

Die »Zweite Schöpfung« hat fünf Sätze und verwendet das Gedicht »Zweite Schöpfung« des Lyrikers und Autors Bernd Marcel Gonner. Die Menschheit, die sich gerne als Krone der Schöpfung begreift, ist das einzige »Säugetier«, das systematisch andere Lebewesen ausrottet, die Ressourcen verschwendet und letztendlich fähig ist, den gesamten Lebensraum Erde zu zerstören. Viele haben immer noch nicht verstanden, das wir kein Backup-System haben. Es ist längst fünf nach zwölf und jeder einzelne müsste sich selbst und seinen Lebenstil radikal überdenken.

Ich bedanke mich bei Josefine, Frank, dem Förderverein Kirchenmusik in Zwölf-Apostel e.V. und dem Evangelischen Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg. Das Stück widme ich Bernd, Christoph und allen Menschen, die sich ohne Wenn und Aber für den Natur- und Klimaschutz einsetzen.

Michael Maria Ziffels, Berlin 2018


Anlass des Konzerts ist das 50-Jährige Bestehen der Orgel, erbaut von der Orgelwerkstatt Karl Schuke, Berlin.

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