Medien-Oper

GRIMMIA SESSITANA — oder Einfache Seeligpreisungen (2022)

Ein Opernexperiment

TEXT Bernd Marcel Gonner

für Solisten, Laien-Chor, Ensemble und Computer

90 Minuten

Entstanden: 2019

bis 2022

Veröffentlichung: April 2, 2022

AUDIO-DEMOS:
Sie können die Demos nacheinander hören. Sie können die Demos auch gleichzeitig oder versetzt ein- und ausschalten und somit »spielen«, um einen Eindruck zu bekommen, wie die Modelle und Überlagerungen »funktionieren«.

Modell #01 Tonvorrat (g fis, f fis, g f)

Sopran

[+ Keyboard]

[+ Streicher]

[+Bläser]

Ein Haus, das zu einem Teil der Inszenierung wird; eine Partitur, die sich als veränderbare Spielanleitung versteht, sich dem Zeitpfeil einer linear gedachten Entwicklung widersetzt, zugleich die Entropie wie den ordnenden Eingriff würdigt —, und zwar einen anfänglichen Trigger, nicht aber ein Ende kennt … Selbst dann, wenn kein Musiker mehr spielt, bleiben Reste der Partitur in den Computerspeichern bestehen und projizieren in unendlichen Schleifen ihren Sound in jeden Winkel des gesamten Hauses. Als Einspeisung ins Internet wird dieser Sound gleichsam als gefrorene Zeit für jeden abrufbar weiterleben und sich im Rhythmus des langsamen Wachstums der Moose endlos fortpflanzen. Ein Libretto, das anhand eines Einzelschicksals in Zeit und Raum die großen Fragen des Mensch- und Materieseins verhandelt; das nach möglichen Weichen fragt: Anpassung oder Widerstand, Vernunft oder Spirituelles, Herrschen oder sich-Unterordnen, Unendlichkeit oder Zwergenhaftes? Dreck unter den Fingernägeln oder weiße Weste? Und wissen die Bienen mehr vom Glück? Ein Bühnenbild aus Licht und Projektionen, das die architektonischen Gegebenheiten aufgreift, umdeutet, zum Schwingen bringt. Musiker, die sich immer wieder neu an einer sich nach bestimmten Regeln verändernden Partitur orientieren und sich miteinander synchronisieren müssen. Ein botanisches Experiment, das (unter einer Projektion der zum Aufführungszeitpunkt am Spielort jeweils gegebenen Sternen-, Planeten- und Satellitenstandorte) durch biochemische Prozesse ins Geschehen eingreift. »What you get is what … actually happens.« Und Bilder des bewegten Körpers, Wohnstatt aller Wirklichkeit, zugleich Objekt des sezierenden Geistes. Als Videoprojektion und real vorhanden. Sänger, die ohne Notenschlüssel auskommen und oktavieren dürfen.

Die Partitur zu »Grimmia Sessitana« wird eine Spielanweisung für das gesamte musikalische Team sein. Diese ist »erweiterungsfähig« und kann demnach auch z. B. für einen Tänzer adaptiert und weiter entwickelt werden.

Alles ist in allem enthalten.

Wann aber konnte einer / von Bienen so singen / zuletzt?

Rekursionen im Klang ergeben sich u. a. dadurch, dass Ziffels während der Proben alle Modelle aufnimmt und daraus ein wiederum spielbares »Meta«-Instrument erzeugt. Durch Verlangsamung, rückwärts spielen u. ä. werden neue Klänge aus bereits Bekanntem geboren. Die Performance hat zwar einen konkreten Anfang, nämlich den initialen Triggerimpuls, jedoch kein Ende. Selbst dann, wenn alle Musiker nicht mehr spielen, bleiben Restmodelle in den Computerspeichern bestehen und projizieren in unendlichen Schleifen ihren Sound in jeden Winkel des gesamten Hauses — wo entsprechende Lautsprecher aufgestellt worden sind.

Der Komponist wünscht sich eine Einspeisung ins Internet, sodass auch der Sound gleichsam als gefrorene Zeit weiter im Internet (für jeden abrufbar unter grimmia-sessitana.de) lebt und sich ebenfalls wie das langsame Wachstum der Moose entwickelt. Die Partitur ist nicht linear, sondern versteht sich als musikalisch-kybernetische Regelkreise, die die sogenannten Modelle enthalten. Diese werden nach festen (Spiel-) Regeln interpretiert.

Jedes Modell kann verschieden interpretiert = abgetastet werden. Beispielhaft genannt:

  1. Oszillierend
    Parameter = Grad der Abtastung (Strecke), Geschwindigkeit, vor und zurück oder vor und springend zurück
  2. Springend
    Parameter = Sprunggeschwindigkeit, Sprungmarken ( a – d )

Mal sind feste Tonmuster vorgegeben, mal nur ein Tonvorrat (ganze Noten), der frei eingesetzt werden kann. Die Musiker sind angehalten sich mit den anderen durch »Er«-Hören zu »synchronisieren«. Es werden keine Notenschlüssel notiert. Jedes System kann sowohl als Sopran- oder als Bassschlüssel gelesen werden. Jedes Modell ist vor- und rückwärts lesbar. Spieler dürfen oktavieren.

Michael Maria Ziffels, Mai 2019