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ERDBOCK UND HIMMELSSCHÜSSEL (2022)

TEXT Bernd Marcel Gonner

für Sprecher, Video, Ensemble und Elektronik

Entstanden: 2021

bis 2022

Veröffentlichung: September 29, 2022

GESCHWISTER VERGESSEN SICH NICHT.

Jean-Henri Fabre hat es getan auf seinem augenscheinlich öden Stück Land in Sérignan-du-Comtat, seinem Harmas, John Muir in den Bergen des Yosemite Valley, Henry David Thoreau im Umgriff seiner Blockhütte bei Concord am Walden-See: Zeuge sein des Lebens in Fülle auf einem begrenzten Feld. Vorbehaltlos da sein, unvoreingenommen beobachten, getreu notieren, Tag für Tag, im Gang der Jahre. Vor etlichen Jahren hat sich der Projektsteller selbst auf einer abgelegenen Hofstelle am Rand der spektakulären und zugleich hochgradig gefährdeten historischen Kulturlandschaft des oberen Taubertals zurückgezogen. Dort arbeitet er im langen Atem der Vorfahren an der Erhaltung und Entwicklung von Steppenheiden, (Halb-) Trockenrasen und Steinriegeln. Ulrike Draesners Bitte, ihr zu berichten, »wie das Jahr so läuft«, gab den Anstoß zu einem umfangreichen Nature-Writing-Projekt: »Wilde Saaten. Beiläufige Naturbeobachtungen eines Landschaftspflegers« – tagebuchartige Einträge über den Jahreslauf 2018/19 auf 350 A4-Seiten. 2021 wird das Buch erscheinen.

Das »Sediment und Sedum«-Projekt wird der kleine multimediale Bruder (oder die kleine multimediale Schwester) davon sein. Field Writing als Schreiben vom bemessenen Feld – in diesem Fall nicht tagesaktuell, sondern hinterher. Die Basis bilden Videodokumentationen des Geländes: seiner oft unscheinbaren Magerpflanzen, Heuschrecken, Grillen, Falter, Wildbienen wie -hummeln auf den mit Kalkgeröll überzogenen Hängen der zu den Tälern führenden Klingen – aus diesem Jahr. Was das Kameraauge im Frühjahr, Sommer und Herbst dokumentiert hat, lese ich im Nach-Gang aus und (be-)schreibe es: das Zusammenspiel von Terroir und Pflanzengestalten: kärgster Boden – größte Mannigfaltigkeit. Im Wechsel von (Be-) Schauen, (Be-/Über-/ect.) Schreiben und Erkennen soll sich ein Jahreslauf zwischen Menschenschweiß und dem Leben dessen, das nicht sät und nicht erntet, entfalten.

Es werden Exkursionen bis ins Allerkleinste sein, die von oftmals sehr Fremden erzählen, Nähe wird teils eine Kippfigur von Ferne sein (wer ist schon käfergleich über einen Magerrasen gekrabbelt?), Anziehung und Abstoßung zwischen und unter allem Geschöpflichen wollen den Leser/Betrachter selbst angreifen bzw. angreifbar machen: Was außen/draußen gefährdet (gefährlich?) ist, löst innere Gefährdungen aus, reale Schürfungen erzeugen geistige Schürfwunden – und am Ende kann/darf der Leser/Betrachter nicht weniger als Teil des Herzklopfens und Kopfschüttelns zugleich vor (und von) der großen (Er-)Schöpfung sein.

»Sediment und Sedum« will zudem nachhaltig sein, auch im Sinne meines landschaftspflegerischen Arbeitens: Wie es auf die 2020 erscheinenden »Wilden Saaten« vorverweist, so werden die »Wilden Saaten« als Buch auf das Netzprojekt zurückverweisen und ich selbst werde in Lesungen, Verlags-PR etc. auf das Netzprojekt zu sprechen kommen.