Als ich Komposition studierte, gab es noch keine Notensatz-Programme, welche professionellen Ansprüchen Genüge getan hätten und/ oder bezahlbar gewesen wären. Handschriftlich zu notieren hat viele Vorteile und einige Nachteile. Der wichtigste Vorteil ist die vollkommene Freiheit des Schreibenden. Eine Software gibt immer einen Rahmen vor und eben diesem Rahmen sind Grenzen des Machbaren gesetzt. In meinem Stück »Das erfolgreiche Bestreben, perfekt zu sein« geht es genau darum. Auslöser war der Frust darüber, dass ich am Fahrkartenautomaten kein Ticket ziehen konnte. Dieser Automat konnte noch keine Scheine verarbeiten. Die Maschine oder die Software diktiert die Möglichkeiten. Für uns heute völlig »normal« — ich finde das nach wie vor »(über)-denkenswert«.

Ich habe den Computer-Notensatz im Selbststudium erlernt. Das Programm der 90er Jahre war Finale. Dieses Software-Urgestein gibt es heute noch, und zwar in der stattlichen Version 27. Finale bereitet mir damals keinerlei Freude und hat letztendlich dafür gesorgt, dass ich zeitweise aufgehört habe, für Instrumente zu schreiben und stattdessen fast nur noch elektronisch / produzierend unterwegs war. Es handelte sich um eine Software, die so unintuitiv war, dass ich immer wieder an sogar einfachen Dingen scheiterte. Ich bin dann irgendwann in den 2000er Jahren zu Sibelius Ultimate gewechselt und es war eine Offenbarung. Die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der ich nun arbeiten konnte, war so erstaunlich, dass ich mich fragte, warum nicht gleich so. Es erging mir mit Illustrator vs. Freehand ganz genau so.

Die Entwicklung in der Computerbranche geht schnell. Oft ist es nötig alte Zöpfe abzuschneiden und dann komplett neu zu beginnen. Der Versuch immer und immer wieder etwas weiterzuentwickeln muss an einem Punkt der Hyper-Komplexität scheitern.

Mit Sibelius habe ich mehrere große Stücke für Chor und Orchester komponiert, notiert und gedruckt. Heute erwarten Musiker und besonders (Laien)-Chöre weit mehr als einfach nur Noten. Es musste auch eine Audio-Simulation her. Die Probenzeiten, selbst für Uraufführungen, sind sehr knapp bemessen, denn sie kosten ja Geld. Bei Uraufführungen kennt auch keiner das Werk, jeder Musiker hat nur seine Stimme. Nur der Dirigent hat die komplette Partitur. Natürlich könnten die Musiker und Sänger die gesamte Partitur studieren. Aus Zeitmangel entsteht jedoch der Wunsch das Werk vorab »hören« zu können. Also lieber Komponist: Bitte gleich eine Audio-Datei mitliefern. Die, die wissen, wie eine computergenerierte Midi-Datei aus den 90er Jahren klingt, weiß: Das ging gar nicht.

Dorico 3.5 hatte ich nie so auf dem Schirm. Warum denn noch eine Notensatzsoftware? Viele Entwickler von Dorico stammen aus der Sibelius-Crew und sind zu Steinberg (Hamburger Softwareschmiede) gewechselt. Bevor die sich zusammenfindende Crew überhaupt Rechner zum Arbeiten hatte, haben die Entwickler alles Bisherige überdacht und ihr »Konzept« erarbeitet. Argumente, die für mich für Dorico sprechen, sind:

  1. der DTP-Layout-Modus
  2. die Wiedergabe mit der Möglichkeit Controller-Daten zu schreiben und
  3. das Konzept, das Musiker mehr als ein  Instrument spielen z. B. für den Wechsel des Instruments oder Divis einer Stimmgruppe.

Letztendlich hat auch Dorico 3.5 (also noch vergleichsweise jung) seine Limitierungen und Restriktionen. Ich lerne noch. In die Software habe ich mich beim ersten Lockdown eingearbeitet und schreibe damit zurzeit mehrere Werke, darunter die Zweite Schöpfung II. Um alle notationstechnischen Anforderungen zu meistern, exportiere ich die einzelnen Seiten in ein Vektor-Grafik-Programm und editiere dann auf Mikro-Ebene.

Update 2.10.2021

Ab heute teste ich Dorico für iPad. Zuerst versuche ich, ohne Tutorial Videos zu schauen, das Konzept zu verstehen. Die Vorstellung morgens mit der Tasse Tee am Bett die ersten Noten des Tages zu schreiben reizt mich sehr. Eine einfache Version der App ist übrigens kostenlos. Es können dann maximal zwei Stimmen notiert werden. Dorico Desktop Besitzer können zwei weitere durch Anmeldung mit der Steinberg-ID freischalten. Ansonsten muss man leider ein (mtl.) Abo abschließen. Mal schauen.

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