BRECHT MIT UNS
oder »Sieben und eine Sünde«

Texte: Ina Marie Herr

Die Ur-Sünde

E i n e Münze kann immer nur e i n e n Klang haben. Der Klang ist nicht davon abhängig, auf welche Seite sie fällt — und es steht auch nicht in unserer Macht, dies zu regulieren. Wir können nur statistische Aussagen darüber machen, welche Seite die Münze «wählen» wird. Im allgemeinen «wählt» sie beide Seiten mehr oder minder gleich häufig. Wenn wir aber die Einheit hören — den einen Klang —, wenn wir mit diesem einen Klang ein-verstanden sind, dann (so sagt uns die Sprache) haben wir Ein-sicht gewonnen. Ein-sicht — das kann nur bedeuten: eine Sache als Eines sehen. Wir haben Ein-sicht, wenn wir die in allen Dingen verborgene Einheit erkennen. Wenn wir aber die beiden Seiten der Münze als zwei verschiedene Dinge wahrnehmen, machen wir die Einheit ent-zwei. Wir verlieren die Sicherheit — die Ein-deutigkeit — unserer Ein-sicht. Zwei-fel entstehen, und Zwei-fel nähren Ver-zwei-flung. Lauschen wir auch diesem Wort aufmerksam nach! Es bedeutet: eine Sache, die vorher Eines — ein Ganzes — gewesen ist, zu ver-zwei-fachen — was uns wiederum zu dem Wort ent- zwei führt. Auch zu unserer eignenen Ent-zwei-ung. Indem wir uns weiterhin von der Sprache tragen lassen, bemerken wir: Wer die Einheit ent-zwei-t, wer sie ver-zwei-facht, der sondert die Dinge voneinander. Aus diesem Wort sondern ist das Wort Sünde entstanden. Das also ist die Ur-Sünde: die Sonderung. Die Ent-zwei-ung der Einheit. Sie mag notwendig sein, aber: Sie bleibt — Sünde.

aus: »Das Dritte Ohr« von Joachim-Ernst Berendt