Gedanken zu meinem Werk «Abstand — ein Requiem in sieben Bildern» 2022

Was hat mich bewogen, ein Requiem schreiben?
 Warum sich überhaupt mit einem Thema wie der Pandemie beschäftigen? Es hängt uns doch sowieso alles zum Halse heraus. Wir wollen endlich unsere Freiheit zurück. Es gibt doch jetzt Impfstoff für alle. Wer jetzt stirbt, ist selber Schuld oder alt oder sowieso schon immer krank gewesen und wäre doch auch so gestorben …

Wer von uns hat das Eine oder Andere nicht schon so ähnlich gehört oder vielleicht gar selbst gedacht? Die Pandemie erinnert in mancherlei Hinsicht doch sehr an die AIDS-Krise der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals hat die sogenannte Mehrheitsgesellschaft auch Statements wie: Betrifft mich nicht, ich bin ja weder schwul noch drogenabhängig formuliert. Daraus resultiert folgender Aspekt: Möchte ich in einer Gesellschaft leben, die Schwächere nicht zu schützen bereit ist?

Diese Gedanken haben bei mir dazu geführt, dass ich ein Statement setzten möchte für die Menschen, die von der Gesellschaft vergessen werden oder sich aufs Äußerste abstrahiert als Zahlenkolonnen in irgendwelchen Statistiken wiederfinden — kurz aufblitzend im Dauerfeuer der multimedialen Erregungen, Wutausbrüchen, Sensationen oder was auch immer. Ich würde mir wünschen, dass wir einfach öfter einmal innehalten. Was bleibt vom Menschen, wenn es keine Zeit gibt, die Toten zu beklagen?

Ich ganz persönlich habe eine besondere Affinität zur Gattung Requiem. Das erste große Werk, welches ich als pubertierender Schüler gesungen habe, war Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms. Bis heute für mich eines der schönsten Werke.

Natürlich ist die Pandemie nicht spurlos an mir vorübergezogen und nein, sie scheint bei Weitem noch nicht überwunden. Wer weiß schon, welche Spätfolgen dieses tückische Virus uns noch bringt. Long Covid bei einer ganzen Generation von jungen Menschen? Nicht auszudenken, was dies für uns alle bedeuten könnte.

Unsere Medien, deren Erfolg sich weitestgehend über Einschaltquoten, Reichweite, Verlinkungen, Klicks und dergleichen bemisst, projizieren dementsprechend Bilder, die laut, schreiend und auch hässlich, ja bewusst provoziert sind. Das Stille und das Nachdenkliche sind  kaum mehr sichtbar. Unhörbar sowieso, denn der Wutbürger macht die Quote und bestimmt den Diskurs. Dieses Gemenge ist das Rohmaterial für mein jüngstes Werk ABSTAND — Ein Requiem.

Mein Requiem hat sieben Sätze: Abstand, Bleichmittel, Shutdown, Testzentrum, Angst, Neuinfektion, Dunkelziffer. 

Ein großer Teil ist bereits fertig konzipiert und produziert. Auch an dieser Stelle möchte ich meinen herzlichen Dank an das Stipendienprogramm der GVL für die Unterstützung zum Ausdruck bringen.

Das Stück ist multimedial und modular konzipiert (Besetzung und Dauer). Derzeit suche ich Orte und weitere Musiker für die Uraufführung und weitere Aufführungen. Das Werk wird sich auch mit der Zeit weiterentwickeln. Ich bin selbst sehr gespannt darauf.

  • ABSTAND — befasst sich mit der weltweiten Pandemie und den Reaktionen darauf
  • ABSTAND — ist ein Requiem für Menschen, die an CoVid-19 verstorben sind
  • ABSTAND — ist Therapie
  • ABSTAND — ist Selbstschutz
  • ABSTAND — ist Leben
  • ABSTAND — ist Rücksicht

 

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